12
Claire lag auf dem riesigen Bett, hellwach, und starrte in die künstliche Dunkelheit des Raumes. Sie hatte sich nicht gerührt, seit Andreas sich auf den Boden gelegt hatte. Die Zeit schleppte sich dahin, und eine ganze Weile lang war sie sicher gewesen, dass er genauso hellwach und angespannt war wie sie - und genauso entschlossen, still liegen zu bleiben und so zu tun, als bemerkte er es nicht.
Aber etwa vor einer Stunde hatte seine Atmung sich verändert, war von dem beherrschten Ein- und Ausatmen, das sie kaum wahrnehmen konnte, zu den tiefen, rhythmischen Atemzügen eines Schlafenden geworden.
Claire lauschte den langsamen Geräuschen seines Schlummers, während sie immer und immer wieder Danikas Worte hörte, wie ein Lied, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging: Wie selten es vorkam, dass man im Leben eine zweite Chance bekam und dass die Zeit zu kostbar war, um sie an Bedauern zu verschwenden.
Es gab so viel, was sie Andreas sagen wollte. Dinge, die er hören musste.
Nicht, dass er ihr zuhören würde. Er schien nicht geneigt, sie so nahe heranzulassen, dass sie überhaupt zu ihm durchdringen konnte. Doch sie musste ihm jetzt nahe sein, allein schon, um seine Stärke neben sich zu spüren, jetzt, da alles, was sie über ihre Welt zu wissen geglaubt hatte, zu ihren Füßen zusammenbrach.
Heute Nacht hatte sich zwischen ihnen eine Wand gebildet, und die schien immer höher und unüberschaubarer zu werden, je länger sie in diesem ländlichen kleinen Dunklen Hafen waren. Claire war nicht sicher, was sie getan hatte, um ihn so zu verärgern. Vielleicht war es einfach die Tatsache, dass er jetzt gezwungen war, sich um sie zu kümmern, jetzt, da Wilhelm ihnen beiden gnadenlos auf den Fersen war.
Einen Augenblick lang wünschte sie sich, Danikas Gabe zu besitzen. Dann wären Andreas' Verstand und seine kryptischen Emotionen nicht mehr so ein Rätsel für sie.
Aber hier konnte sie ihre eigene übersinnliche Fähigkeit zum Einsatz bringen. Im Traum war jeder leichter zu erreichen. Natürlich war nicht alles, was im Traum gesagt oder gesehen wurde, die Wahrheit, doch in der surrealen Welt der Träume legte man schneller seine Hemmungen ab.
Claire riskierte einen Blick über das breite Bett auf die riesige Masse von Andreas' Körper auf dem Boden. Sie legte den angewinkelten Arm unter den Kopf, rollte sich auf der Seite zusammen und beobachtete ihn. Fragte sich, wohin seine Träume ihn geführt hatten. Sie schloss die Augen und dachte an ihn, während sie sich entspannte und ihrem Verstand befahl, zur Ruhe zu kommen und sich aufs Einschlafen einzustellen.
Sie ließ ihre Gabe sich entfalten, ließ Ranken von Bewusstsein wachsen... suchen.
Normalerweise kostete es sie äußerste Konzentration, einen bestimmten Träumenden zu finden, aber mit Andreas war es anders. Kaum war sie unter die Schleier von Bewusstsein und Schlummer geschlüpft, war er schon da. So war es immer mit ihm gewesen. Zwischen ihnen hatte es vom ersten Augenblick an eine Verbindung gegeben, und die war auch jetzt noch da.
Noch als Andreas schon lange aus ihrem Leben verschwunden war, hatte es Zeiten gegeben, in denen Claire versucht gewesen war, ihn zu suchen, wenn auch nur im Reich der Träume. Doch sie hatte zu viel Angst gehabt, nur wieder seine Zurückweisung ertragen zu müssen, und sich zu sehr geschämt, weil sie, auch wenn sie sich noch so bemühte, für Wilhelm nichts auch nur Annäherndes empfinden konnte wie ihre unauslöschliche Liebe zu Andreas.
Nach allem, was in den letzten Nächten geschehen war, empfand sie für Wilhelm und die Blutsverbindung, die sie an ihn kettete, nur noch kaltes, beißendes Misstrauen. Und wenn alles, was sie jetzt über ihn erfuhr, die Wahrheit war, hatte sie für ihn nur noch Verachtung übrig.
Nach allem, was sie mit Andreas in diesen erschütternden, intensiven gemeinsamen Stunden durchgemacht hatte, musste sie zugeben, dass sie durchaus Angst vor dem tödlichen Individuum hatte, zu dem er geworden war. Doch mit dieser Angst waren auch heftige Gefühle gekommen, deren Intensität sie viel mehr verstörte.
Es machte ihr Angst, wie sehr sie ihn immer noch begehrte, ihn brauchte.
Wie leicht sie sich vorstellen konnte, sich wieder in ihn zu verlieben... wenn sie denn überhaupt jemals damit aufgehört hatte.
Als sie jetzt seinen Traum betrat, hielt sie den Atem an, als sie ihn im Licht eines sternenklaren Abends erblickte. Er saß mit nacktem Oberkörper und barfuß im frischen, kühlen Gras des kleinen Parks, den sie für sein leer stehendes Grundstück entworfen hatte. All die Details waren genauso wie auf dem Architektenmodell, bis zur letzten Bank, zum letzten Blumenbeet.
Herr im Himmel. Er hatte sich den ganzen Entwurf eingeprägt.
„Schön ist es hier“, sagte er, und seine tiefe Stimme vibrierte bis tief in ihre Knochen. „Du hast genau gewusst, was du aus diesem Ort machen musstest.
Irgendwie hast du es gewusst.“
Er drehte sich nicht zu ihr um, als sie sich ihm vorsichtig am Rand seines Traumes näherte, wo das Land, das er sich in seinem Schlaf vorstellte, sich an den glitzernden See schmiegte.
Andreas' goldene Haut leuchtete im Mondlicht, noch atemberaubender durch die kunstvollen Schnörkel seiner Glyphen, die sich über seinen muskulösen Rücken zogen wie ein Meisterwerk aus Künstlerhand. Claire erinnerte sich, wie sie diese wunderschönen Hautmuster mit der Zunge nachgefahren hatte; wenn sie die Augen schloss, sah sie immer noch jeden einzelnen unverwechselbaren Bogen und Schnörkel vor sich, der sich über seine glatte, feste Haut zog.
„Du weißt, du solltest nicht hier sein“, sagte er, sobald ihre Füße aufgehört hatten, sich zu bewegen, und sie neben ihm stand. Jetzt sah er sie an, seine Miene war alles andere als freundlich. Aus seinen Iriskreisen strahlte durchdringendes bernsteingelbes Licht. Als er seine Lippen verzog, um zu reden, glänzten die Spitzen seiner Fänge gefährlich weiß und rasiermesserscharf. „Du gehörst nicht hierher, Claire. Nicht zu mir, nicht so. Du hättest nicht uneingeladen kommen sollen.“
„Ich musste dich finden.“
„Wozu?“
„Ich musste dich sehen. Ich wollte... reden...“
„Reden.“ Er stieß das Wort mit einem verärgerten Zischen aus. Bevor Claire wusste, was er tat, war er aufgestanden, überragte sie wie ein Turm. Seine Augen loderten so heiß, dass es ein Wunder war, dass ihr T-Shirt und Höschen nicht schmolzen, als er seinen intensiven Blick über sie schweifen ließ, von ihrem Scheitel bis zu ihren nackten Zehen. „Worüber wollen Sie mit mir reden, Frau Roth?“
„Lass das“, sagte sie und zuckte unter seinem beißenden Tonfall zusammen. „Benutze ihn nicht, um einen Keil zwischen uns zu treiben.“
„Er ist der Keil zwischen uns, Claire. Wir beide haben ihn dazu gemacht, nicht wahr? Wenn du das erst jetzt bedauerst, ist das nicht mein Problem.“
Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an, wollte seine verletzenden Worte nicht spüren. Sie war doch aus Zuneigung zu ihm gekommen, als seine Freundin.
„Warum tust du das, Andre?“
„Warum tue ich was?“
„Mich wegstoßen. Mich behandeln, als gäbe es zwischen mir und Wilhelm keinen Unterschied, als wären wir beide deine Feinde.“
„Was soll ich denn sonst tun? Dir sagen, dass für uns beide alles gut ausgehen wird? So tun, als existiere Roth nicht, damit du und ich weitermachen können, wo wir vor all den Jahren aufgehört haben?“
Claire senkte den Blick. Sie fühlte sich töricht, denn sie hatte gewollt, dass er genau das zu ihr sagte - das und mehr. Worte, die er wohl nie wieder sagen würde, nicht einmal im fragilen Schutzraum eines Traumes.
Er hob ihr Kinn mit starken Fingerspitzen. „Was geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen, Claire. Ich werde nicht hier stehen und dich anlügen, nur damit wir beide uns besser fühlen. Und ich werde dir auch keine Versprechungen machen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht halten kann.“
„Nein,“ sagte sie. „Lieber läufst du weg.“
Er machte den Mund schmal und schüttelte den Kopf, ein düsteres Glitzern in den Augen. „Du denkst, ich wollte dich damals verlassen.“ Keine Frage, sondern eine ruhig geäußerte Anklage.
„Macht es denn irgendeinen Unterschied, was ich denke oder nicht?“, konterte sie heftig und stieß ein höhnisches Schnauben aus. Die Wunde, die er ihr vor dreißig Jahren geschlagen hatte, schmerzte immer noch. „Lass nur, du brauchst nicht zu antworten. Ich möchte dich nicht drängen, irgendetwas zu sagen, nur damit ich mich besser fühle.“
Sie erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, hierherzukommen. Sie drehte sich um und wollte schon davongehen, sollte er in seinem Traum doch allein weiterschmollen. Aber bevor sie auch nur einen einzigen Schritt tun konnte, schlössen sich seine Finger um ihren Arm und hielten sie fest. Er stellte sich vor sie, sein Gesicht war angespannt und von tödlichem Ernst erfüllt. „Dich verlassen war das Letzte, was ich jemals wollte.“ Er machte ein finsteres Gesicht, sein Griff wurde fester, zog sie näher auf die erhitzte Wand seines Körpers zu.
„Mir ist in meinem ganzen Leben noch nie etwas so verdammt schwergefallen, Claire.“
Sprachlos blickte sie zu ihm auf, verloren im Schimmer seiner dunklen Augen. Im nächsten Augenblick neigte er den Kopf und küsste sie, ihre Münder vereinigten sich in einem langen, atemlosen Kuss.
Sie wollte nie mehr aufhören. Sie wollte ihn nie wieder loslassen, jetzt, da er wieder in ihren Armen war, wenn auch nur in ihren Träumen.
„Gott, ich will dich, Claire“, stöhnte er an ihrem Mund, die scharfen Spitzen seiner Fänge streiften ihre Lippen. „Ich will dich jetzt... Himmel, und schon so furchtbar lange.“
Im Traum müssen Wünsche oft nur geflüstert werden, um Wirklichkeit zu werden. Schon im nächsten Augenblick fand Claire sich auf das weiche, kühle Gras gepresst, Andreas' prachtvoller Körper über ihr.
Jetzt waren sie nackt, ihre Kleider hatten sich aufgelöst, als wären sie aus Nebel gemacht. Und selbst im Traum fühlte Andreas' Haut sich warm und fest an. Seine breiten Schultern und mächtigen Arme, seine muskulöse Brust und die Wölbungen seiner Bauchmuskeln... alles an ihm war real und stark und perfekt in seiner Männlichkeit. Claire konnte nicht anders, sie musste mit den Augen seinen Körper hinunterwandern. Sie erinnerte sich nur allzu deutlich daran, dass Andreas auch weiter unten perfekt war.
Weil es ein Traum war, scherte sie sich nicht länger um all die Gründe, warum sie nicht zusammen sein sollten. Alles, was sie jetzt noch gelten ließ, war der Ruf ihres Herzens, und als ihre Handfläche auf seiner Brustmitte zu ruhen kam, wusste sie auch, was sein Herz ihm sagte. Sein Puls hämmerte gegen ihre Finger. Sein Atem kam schnell, heftig, heiß vor Begierde. Claire sah auf in Augen, die so hell wie Feuer brannten, sein Gesicht war eine angespannte, gequälte Maske.
„Ja“, zischte sie, fast unfähig zu sprechen.
Sie sog den Atem ein, als seine breite Eichel sie stupste und dann in sie hineinglitt. Mit einem langsamen Stoß seiner Hüften versenkte er sich in ihr, einem langen, wunderbar tiefen Stoß. Claire schrie und bäumte sich auf, um ihn ganz in sich aufzunehmen, musste ihn ganz in sich spüren. Sein Schwanz dehnte sie weit, berührte ihren tiefsten, verborgensten Kern.
„Oh ja“, keuchte sie, als sie einen vertrauten Rhythmus fanden, so perfekt, als wären sie nie getrennt gewesen.
Er war ein wilder Liebhaber, das wusste sie noch, sie genoss seine animalische Intensität. Jeder harte Stoß brachte sie stärker zum Erschauern, jedes tiefe Stöhnen und Knurren jagte ihr ein Zittern durch die Adern.
Er wusste genau, wie er sich mit ihr bewegen musste, genau im richtigen Tempo, um ihrem Körper auch das letzte bisschen Lust zu entlocken. Claire spürte, wie die ersten Schauer ihres Orgasmus sie durchzuckten wie winzige Blitze in ihrem Blut. Sie konnte sich nicht zurückhalten, hatte nicht die Kraft, Andreas' Liebeskünsten Widerstand zu leisten.
Sie konnte nur ihre Finger in seinen mächtigen Schultermuskeln vergraben und sich an ihn klammern, während er sie einem welterschütternden Höhepunkt entgegentrieb. Sie wusste nicht, ob er ihr dorthin gefolgt war. Alles, was sie spürte, war die unglaubliche Flutwelle der Lust, die sie überrollte... und dann plötzlich nichts als Leere und Kummer, als sie erkannte, dass Andreas fort war.
Claire rief im Traum nach ihm, aber er war nirgends mehr zu sehen.
Und nun war auch der Park fort, wo sie gelegen hatten. Sie saß mitten in einem ausgedörrten Acker, Sonnenlicht blendete ihre Augen.
„Andre?“
Sie stand auf und ging los, den Arm wie einen Schirm über die Stirn gelegt, und versuchte, sich zu orientieren. Sie kannte diesen Ort nicht. Sie wusste nicht, woher das goldene Licht kam oder der beißende Gestank nach Rauch und etwas Schlimmerem, Unidentifizierbarem, der ihre Nasenlöcher erfüllte und sie würgen ließ. Hustend ging Claire über die versengte Vegetation.
Sie stolperte, ihr Fuß war an einem verkohlten schwarzen Klumpen hängen geblieben, der auf dem Boden lag.
Eine Welle des Entsetzens brandete in ihr auf, noch bevor ihre Sinne den Anblick verarbeitet hatten.
Es war ein Kind.
Ein totes Kind, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.
„Oh mein Gott.“ Abgestoßen und entsetzt wich Claire zurück. „Andreas!“
Sie drehte den Kopf und schrie vor Erleichterung auf, als sie den weitläufigen, sanft ansteigenden grünen Rasen erblickte, und dahinter das Herrenhaus aus Stein und Fachwerk, das Andreas' Dunkler Hafen gewesen war. Claire rannte darauf zu. Sie war nackt und fror, verängstigt und verwirrt von dem, was sie eben dort draußen gesehen hatte.
„Andre?“, rief sie verzweifelt und lief an der Rückseite des Irrenhauses entlang. Im Inneren war alles dunkel, nichts rührte sich.
„Andreas... bist du da drin?“
Sie ging um das Haus herum zur Vorderseite, die Arme um Ihre Blöße geschlungen, und kletterte die Stufen zu der eleganten Eingangstür hinauf.
Sie klopfte. Die Tür glitt geräuschlos auf, aber niemand erwartete sie drinnen.
Claire trat über die Schwelle und mitten in ein seltsames Mausoleum. Um sie herum war alles weiß.
Überall, wo sie hinsah - Böden, Wände und Möbel - , war alles von makellosem Schneeweiß. Und es herrschte Grabesstille.
„Andreas, bitte. Ich habe Angst. Wo bist...“
Er erschien aus einem der Räume, die an die geisterhafte Eingangshalle angrenzten. Er war nackt wie sie, seine Augen brannten immer noch bernsteingelb, seine Fänge füllten ihm immer noch den Mund aus. Ohne ein Wort stapfte er auf sie zu und riss sie in eine schmerzhafte, unnachgiebige Umarmung. Küsste sie mit so viel Hitze und Begehren, dass ihr fast die Knie nachgaben.
Dann, gerade als sie begann, sich wieder in Sicherheit zu fühlen, zog er sich von ihr zurück. Er ließ sie so abrupt los, stieß sie so heftig von sich weg, dass sie strauchelte. Unter ihren Füßen war es nass und glitschig. Sie rutschte aus... und im nächsten Augenblick stieg ihr der kupfrige Geruch von frischem Blut in die Nase.
„Oh mein Gott.“
Claire sah auf den Fußboden hinunter, der nun nicht mehr weiß war, sondern aus gemasertem Marmor. Entsetzlichem, blutverschmiertem Marmor.
Auch Wände und Möbel waren nicht länger makellos und weiß. Nun lag alles in Trümmern, war von Kugeln durchsiebt und blutig. Die Möbel waren umgeworfen, die Bilder von den Wänden gerissen und zerbrochen, alles lag in einem wilden Durcheinander.
„Oh nein... Oh Gott... nein.“
Sie wusste nicht, was das verbrannte Feld oder das verunglückte Kind zu bedeuten hatten, aber es bestand kein Zweifel an dem, was sie hier sah. Claire sah ihn in äußerstem Entsetzen an, als sie erkannte, dass er ihr die Zerstörung seines Zuhauses zeigte.
Die Wilhelm Roth angeordnet hatte, genau wie Andreas ihr in jener ersten Nacht im Landhaus gesagt hatte. Sie streckte die Hand nach ihm aus, aber er wollte ihren Trost nicht. Seine Miene war hart, anklagend. Als sie zu Boden sah, erkannte sie, warum.
Ihre Finger und Handflächen waren blutverschmiert. Ihre ganze Vorderseite war über und über mit Blut bespritzt, sogar ihr Haar war klebrig.
Und dort, zu ihren Füßen, lag der leblose Körper eines kleinen Jungen... der Sohn von Reichens Neffen, zerfetzt im Kugelhagel. Und noch mehr Leichen lagen überall im Anwesen, im ersten Stock, auf halbem Weg auf der Treppe, bei der Kellertür am Ende der Eingangshalle. Sie stand mitten in einem Massaker, wie sie es sich selbst in ihren schlimmsten Albträumen nicht hätte vorstellen können.
Als sie Andreas wieder ansah, war er in weiß glühende, tödliche Hitze eingehüllt. Flammen schossen aus seinem Körper hervor und steckten die Wände und Möbel in Brand. Es war nur eine Frage von Sekunden, bis alles, was Claire sehen konnte, Feuer war.
Ein Aufschrei entwich ihrer Kehle, rau und verzweifelt.
Sie riss sich aus dem Traum, konnte dieses Entsetzen keinen Augenblick länger ertragen.
Elend und zitternd setzte sie sich im Bett auf und warf die Steppdecke beiseite. Kein Blut klebte auf ihr.
Keine Asche. Nur der kalte Schweiß von echtem Entsetzen und der Qual, Andreas' schrecklichen Albtraum miterlebt zu haben.